Gedanken des Menschenrechtsanwalts Đặng Đình Mạnh nach dem Film in Washington, D.C.
Nie hätte ich gedacht, dass mich ein Dokumentarfilm so bewegen könnte – bis ich „The General“ der US-amerikanischen Regisseurin Laura Brickman sah. Der Film hat meine Sicht auf dieses Genre verändert. Ich war wirklich tief ergriffen; selbst als man mich unmittelbar danach bat, ein paar Worte über den Film zu sagen, stockte mir noch die Stimme.

Denn schon nach den ersten Sekunden wurden Erinnerungen an die vietnamesische Gesellschaft in mir wach – Erinnerungen, von denen ich glaubte, sie seien seit über zwei Jahren eingeschlafen, seit ich aus Vietnam geflohen bin. Sie kamen nahezu vollständig zurück. Glasklar. Unverbraucht. So, als wäre alles erst gestern gewesen.
Wie junge Männer aus dem Sicherheitsapparat, die einen beobachten, ohne sich überhaupt zu verstecken; wie Polizisten Schlösser aufbrechen, in Häuser eindringen und Menschen festnehmen; wie Agenten im Geheimdienststil mitten auf der Straße offen Gewalt anwenden – selbst wenn das Opfer nur ein „zartes Mädchen“ ist …
Im Film „begegnete“ ich erneut Gesichtern, von denen neun von zehn meine Mandantinnen und Mandanten waren. Jeder mit seinem eigenen Leben, seinem eigenen Schicksal. Und doch verbindet sie ein gemeinsamer, stolzer Punkt: Die Härte, die sie ertragen müssen, trifft sie nur, weil sie ihre Stimme erhoben haben – weil sie für Würde, für bessere Werte, aus dem Gewissen der Nation heraus gekämpft haben.
Der Dokumentarfilm „The General“ (sinngemäß: „Der General“) verging wie im Flug. Aus scheinbar losen Einzelgeschichten wurde ein durchgehendes, meisterhaft montiertes Ganzes – ein Erzählstrom über unser gequältes Land in einer derzeit düsteren, finsteren Epoche.
Es beginnt mit den Worten: „Er beobachtet uns. Ja, gleich rechts von Ihnen.“ Die Kamera schwenkt schnell, bleibt stehen – auf einem jungen Mann auf dem Motorroller, eine Hand am Lenker, die andere frech erhoben: Er filmt mit seinem Smartphone direkt in diese Richtung …
Schnitt. Draußen stürmt eine Gruppe Polizisten und Milizionäre mit einem riesigen Bolzenschneider auf ein verschlossenes Eisentor zu. Drinnen bleibt die Stimme von Trịnh Bá Phương ruhig, beinahe gelassen: „… wie ich es in meinem Testament geschrieben habe: Ich habe nicht die Absicht, Selbstmord zu begehen, falls ich festgenommen werde …“
Schnitt. Ein Mädchen geht zu Fuß die Straße entlang. Der Kameramann geht hinterher und sagt: „Ich wünsche mir, ein Stück des Weges mit dir zu gehen …“ Da kommt von hinten ein junger Mann, stellt hastig seinen Roller ab, läuft vor und schlägt ihr heftig an den Kopf, sodass sie seitlich zu Boden stürzt …
Die Leinwand wird weiß, alles scheint stillzustehen – dann erklingen leise die Worte eines Liedes, schlicht, langsam, ungekünstelt: „Sài Gòn ist so schön“:
„Ich halte an am Kai, wenn die Abendsonne noch nicht verblasst,
Aus der Ferne schimmern tausend flatternde Áo-dài,
Ein heiterer Lebensrhythmus führt die Schritte aller hierher –
Sài Gòn ist so schön, Sài Gòn! Oh Sài Gòn!“
Im selben gemächlichen Takt erscheinen Hubschrauber, die eine rot-gelbe Flagge mit Stern hinter sich herziehen und den blauen Himmel trüben. Reihen von Soldaten mit Gewehren, Bajonette nach vorn, marschieren am Podium vorbei. Kanonen stehen ordentlich aufgereiht und feuern Salven in den Himmel, Rauch wälzt sich herab. Dazwischen: sogar Kindergartenkinder werden in grüne Uniformen gesteckt – als wolle man ihnen die kindliche Unschuld entreißen.
Dieser Kunstgriff – die Gegensätzlichkeit zwischen Bildern der „Befreiung Saigons“ (so prahlt das kommunistische Regime) und der schlichten Musik über ein „wunderschönes Saigon“ – ist eine vieldeutige filmische Einführung in „The General“.
Die Gesichter von Phạm Đoan Trang, Trịnh Bá Phương, Trịnh Bá Tư, Cấn Thị Thêu, Lê Đình Lượng, Nguyễn Năng Tĩnh, Phạm Chí Dũng, Lê Hữu Minh Tuấn, Bùi Tuấn Lâm, Dương Tuấn Ngọc, Nguyễn Văn Đài, Trần Thị Tuyết Diệu, Y Quynh BDap, Trần Đức Thạch, Y Krech Bya, Ngô Thị Tố Nhiên, Nguyễn Tường Thụy, Đinh Thị Thu Thủy, Nguyễn Trung Tôn, Đường Văn Thái, Trương Văn Dũng, Nguyễn Thị Cẩm Thúy, Ngô Thị Hà Phương, … stehen stellvertretend für nahezu 200 politische Gefangene, die im Film nach und nach erscheinen.
Ich erinnere mich: In meiner Zeit als Anwalt hat es mich bis ins Mark erschüttert, wenn Menschen wie Cấn Thị Thêu oder Trịnh Bá Tư im Gerichtssaal mit ruhiger Stimme ihre Identität angaben: „Mein Name ist: Opfer des kommunistischen Regimes“ – mitten in der Verhandlung.
Oder Trịnh Thị Thảo (die Tochter von Cấn Thị Thêu), die ihre kleine Faust hebt und im Saal schreit: „Nieder mit den Kommunisten!“, „Nieder mit den Kommunisten, feige vor dem Feind, grausam gegenüber dem Volk!“ – und diese Faust schwingt weiter, der Schrei trägt sie bis hinaus auf den Hof, bis vor das Tor des Gerichts, dicht umstellt von Sicherheitskräften des kommunistischen Apparats, drinnen wie draußen.
Oder Lưu Văn Vịnh, Nguyễn Văn Đức Độ, Nguyễn Quốc Hoàn und Từ Công Nghĩa, die gemeinsam „Nieder mit den Kommunisten!“ rufen, sodass der ganze Gerichtssaal erbebt und die Urteilsverkündung des Vorsitzenden im Sturm dieser erstickten, aber standhaften Schreie untergeht.
Diesmal lief mir beim Film „The General“ erneut ein Schauer über den Rücken – bei der Szene, in der Bùi Tuấn Lâm von der Polizei aus dem Haus geführt wird: Hände in Handschellen, doch auf seinem gutaussehenden Gesicht liegt ein leichtes, trotziges Lächeln voller Unbeugsamkeit … Er war ein „fast“-Mandant: Kaum hatte ich die Verteidigungsformalitäten übernommen, musste ich selbst schon „untertauchen“, um Schutz zu suchen.
Bevor das Publikum den Hut vor Lâms frechem Lächeln ziehen kann – dem „Zwiebelstreuer-Heiligen“ –, erinnert „The General“ auch an die berühmten Aufnahmen vom „Salzstreuer-Heiligen“ Salt Bae, der während einer England-Reise Tô Lâm ein goldbelegtes Stück Fleisch füttert. Diese Bilder hatten den damaligen Innenminister weltweit bekannt gemacht – bevor er zum heutigen Generalsekretär wurde.
Ereignisse wie die Entführung Trịnh Xuân Thanhs in Berlin – persönlich von Tô Lâm befehligt, unter „Ausleihe“ eines Flugzeugs der Slowakei – oder die strafrechtliche Verfolgung Tô Lâms und sieben weiterer Funktionäre durch die Slowakei; ebenso die Formosa-Katastrophe … all das wird im Film gestreift.
Schon das Filmplakat ist – mit dem schwarz-weißen Foto Tô Lâms in der Uniform eines Vier-Sterne-Generals – ein äußerst treffendes Detail, noch bevor das Publikum überhaupt im Saal sitzt.
Beim Blick auf dieses Bild vermuteten einige vorschnell, es könne sich um einen Film handeln, der Tô Lâm „schönfärbt“. Doch gerade dieses realistische Foto formt ihn im Stil anderer Diktatoren, die die Welt in ähnlichen Porträts sah: Hitler, Mussolini, Stalin, Pinochet … in ihrer Hochphase – und wir wissen, wie ihre Schicksale endeten.
Zudem zeichnet die Schwarz-Weiß-Ästhetik Tô Lâm als einen Typus autoritärer Herrschaft, den die zivilisierte Welt längst in den Mülleimer der Geschichte geworfen hat. Nur wenige existieren noch – selten, aber keineswegs kostbar – und werden von den Menschen in ihren Ländern verachtet: Putin, Xi Jinping, Kim Jong Un – oder Tô Lâm.
Kurzum: „The General“ ist ein Film, den man gesehen haben sollte. Für Vietnamesinnen und Vietnamesen im Land erzählt er die gegenwärtige, bittere Realität. Für jene in der Diaspora gilt das umso mehr – mindestens:
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um zu begreifen, wie viel Glück man hatte, nicht unter der kommunistischen Diktatur leben zu müssen;
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und um zu verstehen, wie elend die Landsleute im Inland leben müssen.
Damit man – wenn sich eine Gelegenheit bietet – die Hand reicht, um gemeinsam aus diesem Elend herauszukommen. Damit alle Vietnamesinnen und Vietnamesen in Würde leben können – so, wie es vielen im Ausland möglich ist.
Zum Schluss bedauere ich, dass Regisseurin Laura Brickman verhindert war und zur Premiere nicht kommen konnte. Denn ich glaube, ich schulde ihr ein Dankeschön: dafür, dass sie die Geschichte unseres Landes erzählt hat – wie ein erstickter Schrei von innen, auf eine so wahrhaftige Weise.
Đặng Đình Mạnh








